ANNATINA GRAF

VERNISSAGEREDE ZUR AUSSTELLUNG «MOMENTS» VON ANNATINA GRAF SONNTAG, 13. JANUAR 2013, CHELSEA GALERIE, LAUFEN, 15.1. – 9.2.2013

 

Liebe Jeannette Schmid, liebe Annatina Graf, sehr geehrte Damen und Herren

 

Ich hoffe, Sie haben das neue Jahr 2013 gut begonnen, es freut mich, Sie zur Vernissage der Ausstellung von Annatina Graf mit dem Titel «Moments» auch von meiner Seite her begrüssen und ein paar Worte an Sie richten zu dürfen.

 

Vielleicht ist es Ihnen so ergangen wie mir: Diese Weihnacht lag für mich – weil hochgelobt und viel besprochen – das Buch «1913. Der Sommer des Jahrhunderts» von Florian Illies unter dem Weihnachtsbaum. Die 13 als Jahreszahl fordert so manchen und manches heraus – Illies kredenzt uns über 300 Seiten ein schillerndes, wohlorchestriertes und äusserst unterhaltsames Buch über das Jahr 1913, eine Komposition unzähliger Momente, zusammengefasst und unterteilt in die zwölf Monate. Jeder Monat beginnt mit einem kurzen Vorspann, der einem in atemlose Spannung und Vorfreude auf die nun folgenden Seiten versetzt. Hier ein kleiner Vorgeschmack für den Januar 1913 – also für die jetzige Zeit von vor hundert Jahren:

«JANUAR. Das ist der Monat, in dem sich Hitler und Stalin beim Spazierengehen im Schlosspark von Schönbrunn begegnen, Thomas Mann fast geoutet und Franz Kafka vor Liebe fast verrückt wird. Zu Sigmund Freud auf die Couch schleicht eine Katze. Es ist sehr kalt, der Schnee knirscht unter den Füßen. Else Lasker-Schüler ist total verarmt und verliebt in Gottfried Benn, bekommt eine Pferdepostkarte von Franz Marc, nennt Gabriele Münter aber eine Null. Ernst Ludwig Kirchner zeichnet die Kokotten am Potsdamer Platz. Der erste Looping wird geflogen. Aber es hilft alles nichts. Oswald Spengler arbeitet schon am ‹Untergang des Abendlandes›.»1

Werden Sie auch mit jedem weiteren Namen, der da fällt, von einem Schwall von Bildern, Erinnerungen, Gefühlen und bruchstückhaftem Wissen überrollt, der sogleich wieder entschwindet, weil er von einem nächsten abgelöst wird? Schiessen Ihnen auch gleichzeitig Fragen und Feststellungen durch den Kopf? Kann das sein, Hitler und Stalin an einem Ort? Dann gleichzeitig plötzlich ein Hauch von Schulzimmergeruch in der Nase und Bilder von Konzentrationslagern vor dem erschreckten inneren Auge... Und bei Freud auf der Couch hatte ich doch eigentlich nicht eine Katze erwartet, und wer ist nur schon wieder Else Lasker-Schüler und wie alt war damals Gottfried Benn?

Was fasziniert uns an dieser Gleichzeitigkeit, die wir so noch nie gehört und gelesen haben? Was reizt uns an derartigen Überlagerungen? Weshalb diese Lust an den Fügungen einzelner Momente aus unterschiedlichsten Leben, die mit dem unseren scheinbar so gar nichts gemein haben?

Obwohl es vom Fremden berichtet, bringt es uns selbst in Bewegung – Fremdes dockt unmittelbar am Eigenen, am Erlebten, am Vorwissen, an unseren Erinnerungen an, es aktiviert unsere innere ureigenste Gedächtnisstruktur und versetzt unser Wissensnetz, unser Koordinatensystem in Schwingung.

 

Momente, verdichtet. «Moments», der Titel der Ausstellung hier, ist gleichzeitig auch Titel einiger der jüngsten Arbeiten von Annatina Graf, die Sie hier kennenlernen dürfen.

Auch hier sind Momente verdichtet worden, nicht zu einem Buch, nein, zu Gemälden. Gemälde von vorerst noch eben solcher Leichtigkeit im Ton, wie ihn Illies anschlägt, doch bei längerem und genauerem Hinsehen sind sie einem steten Wandel unterworfen, werden komplex und intensiv. Denn haben die Bilder wie die Vorkommnisse aus dem Jahr 1913 vorerst noch nichts mit uns zu tun, so verändert sich dies mit zunehmender Dauer, die wir mit ihnen verbringen. Sie rufen Erinnerungen in uns wach, lassen ungeahnte Saiten in uns erklingen und entziehen sich doch immer wieder von neuem unserem forschenden Blick. Und so beginnt sich Inneres mit aussen Wahrgenommenem zu verbinden. Die Werkgruppe der «Moments» ist im Zuge eines Kunst und Bau-Projektes entstanden, das Annatina Graf im letzten Jahr für das Bürgerheim der Stadt Chur realisiert hat. Sich in die Situation der Heimbewohner hineinversetzend, die geprägt ist von eingeschränkter Mobilität, zunehmender Isolation und der Vergegenwärtigung der eigenen Sterblichkeit, setzte sich die Künstlerin mit den Fragen nach Identität und damit verbunden, der Rolle unserer Erinnerungen auseinander. Ohne Erinnerung keine Identität? Ein Thema, das Annatina Graf bereits in früheren Arbeiten stark beschäftigt hat.

Die Einzelbilder, die die Basis dieser Werkgruppe der «Moments» bilden, entstammen dem persönlichen Bildarchiv, das Annatina Graf in den vergangenen drei Jahren angelegt hat. Alltägliche, jedoch für die Künstlerin bedeutsame Situationen hat sie mit der Kamera eingefangen, am Computer bearbeitet und in kleinformatige Gemälde übersetzt. Ein Ensemble aus dieser Serie der «Tage» sehen Sie im Raum nebenan. Während hier die Singularität des jeweiligen Momentes bzw. Motivs noch klar ersichtlich ist, hat die Komplexität der Bildkomposition in den «Moments» stark zugenommen. Durch die Mischung, Überlagerung und Bearbeitung der einzelnen Motive werden diese durchlässig bis hin zur Auflösung der jeweiligen Grenzen. Die technische Umsetzung geht dabei mit der inhaltlichen Auseinandersetzung Hand in Hand: denn auch in technischer Hinsicht erfolgt auf die anfängliche Zersetzung sodann der gezielte Bildaufbau – nach der Bildkomposition der Motive am Computer erfolgt die Aufschlüsselung der Farbwerte in die Grundtöne Gelb, Cyan, Magenta und Schwarz, die Annatina Graf in einem weiteren Schritt dann lasierend auf die silbern grundierte Leinwand malt. Auf diese Weise erreicht sie malerisch eine Unschärfe, die uns als Betrachter die Nähe des Bildes suchen lässt und hält uns doch gleichzeitig silbern-kühl auf Distanz, entzieht sich uns, auch wenn wir in konzentrierter Regungslosigkeit verharren, geschweige denn wenn wir den Betrachterstandpunkt wechseln oder am Bild vorbeiziehen.

Ständig sich verändernde Sinneseindrücke versetzen unser Gemüt in Bewegung – Erinnerungen steigen in uns auf und für diese typisch erscheinen sie, in Analogie des Gemalten, mal mit unscharfen Konturen, mal fokussieren sie präzis unzusammenhängende Kleinigkeiten und Gedankenfetzen, die je nach Standpunkt uns mal hässlich, mal schön, mal erhebend oder bedrohlich zu erscheinen vermögen. Eindrücke von aussen werden zum Ausdruck eines Inneren und umgekehrt – werden Eins – vielleicht ist es das, was uns so fasziniert: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile – wie Aristoteles so oft verkürzt wiedergegeben wird.

 

Eine weitere Arbeit, die aus dem reichen Bildarchiv der Künstlerin gespiesen wurde, ist das Video «Faces» – Gesichter. In dessen Bann können Sie sich im kleinen Raum ziehen lassen. Vielleicht nicht für jedes Auge gleichermassen auf den ersten Blick identifizierbar, hat Annatina Graf hier unzählige, klassische Porträts ihrer selbst zu einem sechseinhalb Minuten dauernden Film zusammengefügt. Die Farben aufgelöst in abstrahierende Weiss-Grau-Schwarz-Werte, entstehen durch Verzerrung, Überlagerung und Transformation der Einzelbildnisse immer neue Gesichter. In Auflösung und Deformation begriffen, nehmen diese zuweilen tierische oder gar monströse Züge an. Dass Deformation und Chaos grosses Unbehagen in uns auslösen können, erklärt uns die Gestaltpsychologie anschaulich in der Theorie der Tendenz des Menschen «zur guten Gestalt». Welche Sprengkraft in Darstellungen von Deformationen enthalten ist, kennen wir in der Bildenden Kunst beispielsweise aus dem Kubismus, vielleicht fühlen Sie sich insbesondere auch an die verstörenden Werke eines Francis Bacon erinnert. Die Technik der Verzerrung von Bildern kennen wir in der jüngeren Zeit vor allem auch aus dem Film – einen bleibenden Eindruck hat Ihnen vielleicht Michael Jacksons Video zum Song «Black or White» aus dem Jahr 1991 hinterlassen, wo Gesichter weisser und afroamerikanischen Menschen nahtlos ineinander gefügt wurden. Doch bei Annatina Graf sind weder ein politisches Programm noch die Blüten von Drogenexzessen der Hintergrund, vielmehr und dringlicher steht hier die intensive Auseinandersetzung mit existenziellen Fragestellungen, insbesondere mit Wahrnehmung und Identität im Zentrum. So zielt die Arbeit denn auch nicht auf das realitätsgetreue Abbilden DER Annatina Graf, sondern verlagert die Aufmerksamkeit auf Innerliches. Im entschleunigten Prozess des Sehens und Erkennens wird der Betrachter wiederum kontinuierlich mit eigenen aufkommenden Empfindungen konfrontiert. Überraschend unkontrolliert steigen aus den Tiefen Stimmungen wie Hoffnung, Verzweiflung, Nachdenklichkeit und Versöhnung auf – gestützt durch die Klänge von Jaap van Bemmelen, mal wohlklingend, mal dissonant.

Gesicht und Teile des Körpers stehen auch in den Arbeiten «Another World» im Zentrum, jedoch in statischer Form und doch sehr bewegt bzw. auf uns selbst zurückgeworfen, beginnt die Bewegung wiederum in uns selbst, im Kopf. Wie Annatina Graf selbst einmal gesagt hat, zieht sich das Thema des Körpers und gleichzeitig des Entkörperlichten als Konstante durch ihr Schaffen. Schlafende, wie sie in «Another World» abgebildet sind, sind schlagendes Sinnbild dieser Dualität: im Geiste in einer Welt der Träume, die sich nährt aus Erinnerung, Unbewusstem und auch uns Unbekanntem, ruht ihr Körper in der Welt, die wir zumeist als selbstverständliche Wirklichkeit annehmen.

Zwischen den Welten – «Traversata» von «traversare» (überschreiten) heisst die Arbeit, die auf dem Monitor gezeigt wird: Wir sehen ein schaukelndes Kind im Gegenlicht, ein Stuhl mit darüber gehängter Jacke, eine Pflanze, und werden begleitet von einer weichen Melodie, gespielt vom Silvano Borzacchiello Quintet.

In der Überblendung wechselt die Szenerie: Als ob wir uns mit dem Bauch auf die Schaukel gelegt hätten, wandert unser Blick nun schaukelnd dem Boden entlang, pendelt vom Innen- hin zum geschützten Aussenraum der Veranda.

 

In der Überblendung wechselt erneut die Szenerie: die pendelnde Schaukel, nun leer. Der Raum ebenfalls fast entleert – nur der Stuhl ist am Rande noch sichtbar, dafür fällt eine Lichterkette am oberen Rand ins Auge – war sie schon immer da? Ja, sie war. Die leere Schaukel pendelt.

Vom Schaukeln zum Pendeln: Die Schaukel trägt uns zurück in unsere Kindheit, tief verborgene Erinnerungen an Wiegenlieder schenken Geborgenheit, Erinnerungen an herrlich «verschaukelte» Sommertage rufen ein Gefühl der Freiheit in uns wach. Das Pendel hingegen erzählt vom Vergehen der Zeit. Der Wandel von der Schaukel- zur Pendelbewegung fordert uns auf, es gleich zu tun: traversare – überschreiten. So werden wir mit dieser Arbeit und den anderen Arbeiten von Annatina Graf angeregt, den Betrachterstandpunkt zu wechseln, Inneres und Äusseres in Verbindung zu bringen. Betrachter und Betrachtetes sind eins – vielleicht ist es das, was uns so fasziniert an der Verdichtung von Momenten. Heute, am 13. Januar 2013, wünsche ich Ihnen ein Jahr voll dicht sich überlagernder Momente des Glücks! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

13. Januar 2013

Eva Inversini, lic.phil., Kunsthistorikerin, Künstlerische Leiterin Kunsthaus Grenchen

 

 

1 Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, 4. Auflage, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, 2012, S. 7.