MOMENTS

 

Bei den Familienbildern wie bei den Alltagsschnappschüssen hat die Malerei die Aufgabe, das Anekdotische und Triviale der Fotografie zum Archetypischen des Inbildes zu führen. Die konzeptuelle Rahmung und die methodische Disziplin verbinden das subjektive Erleben mit dem Bestreben etwas Allgemeingültiges auszusagen sowie den Einfluss digitaler Medien spürbar zu machen. Doch ist die beklemmende Fremdheit der Ansichten und Motive auch in späteren Werkgruppen Programm. Denn in Moments (2013) verarbeitet Annatina Graf das Bildarchiv, das sie für Tage angelegt hat, weiter, indem sie mehrere Motive und Bildausschnitte neu kombiniert und die Atmosphäre damit weiter verdichtet. Nicht mehr der einzelne Tag steht im Mittelpunkt, für den das Bild stellvertretend die Stimmung einfängt, sondern der einzelne Moment, der sich in der Verdichtung bestehender Motive einstellt. Die Surrealität des einzelnen Bildes wird dadurch gesteigert und zusätzlich durch das vergrösserte Format betont. Die Technik verstärkt die Wirkung ebenfalls, indem die Farbschichten nun auf silbernem Grund übereinandergelegt und wieder nur von bestimmten Standpunkten aus sichtbar werden. Die Fremdheit einzelner Tage wird in Moments auf ein alptraumhaftes Lebensgefühl ausgedehnt.

 

Kathleen Bühler, Kuratorin Abteilung Gegenwart, Kunstmuseum Bern, 2015.