ANNATINA GRAF

Kunstvolle Chamäleons aus dem Fluss der Zeit

 

Im Kunstraum Sandra Romer in Chur sind derzeit neue Arbeiten der Bündner Künstlerin Annatina Graf zu sehen. Die Ausstellung «abheben» zeigt gemalte Momente der Erinnerung.

 

Sie schimmern silbrig-weiss, die acht Tafeln im schlichten Ausstellungsraum im Kunstraum Sandra Romer in Chur. Einerseits erinnern sie an Spiegel – und verweigern doch den erwarteten Zugriff. Wie Lichtreflexe aus dem Wasser werden Porträts offenbar. Da sind die seilspringenden Kinder, unbeschwert im Glücksmoment des Spiels zwischen Himmel und Erde. Da sind Mädchen mit fliegenden Haaren. Abgehoben vom hier und jetzt. Selbstverständliche Momente im Kinderleben, rare Gefühle im späteren Sein.

 

Zwischen Bewusstsein und Traum

Unter dem Titel «abheben» zeigt die in Chur aufgewachsene und in Solothurn lebende Künstlerin Annatina Graf Arbeiten, denen die seltenen Augenblicke zwischen Bewusstsein und Traum, zwischen Loslösung und Erkenntnis gemeinsam sind. Die Motive für ihre fünf Jungmädchen-Porträts fand Graf zufällig. Sie beobachteteTeenager beim Posen fürs Handy-Foto auf der Suche nach besonderen Selbstbildern: ein bisschen verrückt, ein bisschen cool, ein bisschen anders als sonst – fern des Alltags voller Pubertätsprobleme, glücklich im Moment. Graf durfte die Bilder der Mädchen für ihre malerischen Arbeiten nutzen und verwandelte sie zu malerischen Metaphern für eine ganz besondere Zeit und deren ganz eigener Stimmung. Die Künstlerin thematisiert mit ihren Arbeiten die Zeit des Übergangs zum Erwachsenwerden auch als Zeit subtiler Träume und Hoffnungen. Gleichzeitig nutzt sie diesesThema als Reflektion eigener Erinnerungen an vergangene oder auch aktuelle Sehnsüchte. Junge Themen und gesammelte Lebenserfahrung – diese Mischung macht Grafs Arbeiten so spannend.

 

Überraschende Technik

Ihre recht einzigartige Maltechnik verleiht Grafs Porträts zusätzlich etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles. Trotz weisser Acrylfarbe auf silbrig grundierter Leinwand wirken ihre Bilder nur indirekt malerisch, erinnern teilweise an antiquarische Fotografien. Je nach Blickwinkel des Betrachters, je nach Lichteinfall verändern sich auch die Motive der Bilder. Chamäleonartig offenbaren sich die Porträts dem Betrachter mal diffus, dann wieder konkreter. Oder ziehen sich gar ganz zurück ins Monochrome. Wie manch flüchtige Erinnerung, derer man nicht mehr restlos habhaft werden kann.

 

Malerei, aber auch neue Medien

Das künstlerische Schaffen Grafs, deren Arbeiten vielfach in den Jahresausstellungen des Bündner Kunstmuseums in Chur präsent waren, ist medial vielfältig: Mal sind es Videoinstallationen, die Grafs Forschen nach ihren Wahrnehmungen und deren Verlässlichkeit dokumentieren. Dann wieder setzt sie sich – so wie in den Arbeiten der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Sandra Romer – mit dem Malakt und ihrem damit verbundenen Ich auseinander. Immer wieder drehen sich die Arbeiten der 1965 geborenen Künstlerin thematisch jedoch um Aspekte des Lebens im Licht der Erinnerung. Mal stöbert sie dafür im eigenen Familienalbum, mal filmt sie in der heimischen Küche. Lebensnähe und Authentizität sind auch charakteristisch für die aktuell im Kunstraum ausgestellten Bilder. Und sicherlich fängt der eine oder andere Betrachter ebenfalls an, nach seinen ganz privaten Momenten des «Abgehobenseins» zu forschen und deren Wandel im Fluss der Zeit zu reflektieren.

 

Die Ausstellung «abheben» dauert noch bis zum 10. April im Kunstraum Sandra Romer in Chur. Öffnungszeiten Freitag 14 bis 19 Uhr und Samstag 12 bis 16 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter www.sandra-romer.ch

 

Anne Schellhorn, Die Südostschweiz, 21.03.21010