ANNATINA GRAF

VERNISSAGEANSPRACHE ANNATINA GRAF «IM LICHTE DER ERINNERUNG», 29. APRIL 2007, GALERIE RÖSSLI, BALSTHAL

 

Ich freue mich, Sie zur Vernissage der Ausstellung von Annatina Graf heute hier in Balsthal begrüssen zu dürfen. Annatina Graf kam 1998 mit zwei kleinen Kindern nach Solothurn. Ihr Sohn Andri war da etwa sieben, die Tochter Laura drei Jahre alt. So waren unsere ersten Gespräche mehr lebenstechnischer – oder überlebenstechnischer Art - weniger diskutierten wir damals über künstlerische Themen. Erst über die zwischenmenschliche Ebene kamen die Gespräche mit der Zeit auf ihre künstlerische Arbeit. So ähnlich verhält es sich mit dieser Ausstellung. Das Private bietet die Basis für den Einstieg in ihre künstlerischen Überlegungen, bietet die Intimität, die einen vertraulichen Zugang schaffen. Motivisch sehen wir uns lauter Familienbildern gegenüber, von ihren Kindern, von ihr selbst und von ihrem Lebenspartner Jörg Mollet.

 

Annatina Graf wurde 1965 in Zürich geboren und verbrachte ihre Jugendjahre in Chur. Dort absolvierte sie das Lehrerseminar. Als Lehrerin kam sie 1986 ins Laufental, unterrichtete, und besuchte gleichzeitig Kurse an der Kunstgewerbeschule Basel. Das Malen war ihr schon immer ein existentielles Bedürfnis, lange machte sie es aber mehr nebenbei. Seit einigen Jahren aber ist das Kunstmachen – neben ihrer Familie – ihre Hauptbeschäftigung. Da sie die Dinge, die sie tut, gern gleich richtig tut, macht Annatina Graf seit letztem Jahr eine Ausbildung in Digital Media an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Luzern.

 

Ich denke, dieser Austausch mit Dozenten und anderen Studierenden hat ihrer Arbeit gut getan, ohne dass sich so viel verändert hätte, dass man die neueren Arbeiten nicht in ihr Gesamtwerk einordnen könnte. Vieles, was schon in früheren Arbeiten angelegt war, führt sie immer noch weiter, doch heute vielleicht etwas präziser als früher. Nehmen wir etwa den Einsatz von Aluminiumfarbe. Erstmals verwandte sie diese auf den Bildern um die Serie «Wasserzeichen» von 2004. Ausgehend von Aufnahmen ihrer schwimmenden Tochter hatten diese oszillierend-mysteriöse Wasserlandschaften zum Thema. Wurde die Aluminiumfarbe dort vor allem als flimmernde Glanzpunkte gesetzt, gleich der die Sonne reflektierenden Wasseroberfläche, so ist dies heute auf den Bildern «Erinnern» etwas subtiler gehandhabt, denn meist glänzen Familienbilder nicht – ausser natürlich, man betrachtet Fotos an der Sonne - was den Fotos nicht so gut tut. Die umfangreiche Serie «Erinnern» zeigt in schimmernd unscharfen, blau-silbrigen Bildern Kinderszenen. Als Vorlagen dienten ein paar Jahre alte Fotos ihrer Kinder. Wenn es nun aber einfach um Kinderportraits gegangen wäre, hätten die Kinder Andri und Laura Modell sitzen können. Hier dient die Aluminiumfarbe nun insbesondere dazu, eine gewisse Distanz zwischen der Betrachterin, dem Betrachter und dem Bildmotiv zu schaffen. Wegen der Spiegelungen muss der Betrachter sich vor dem Bild bewegen, um denjenigen Standpunkt zu finden, von dem aus er das Motiv erkennen kann. Hier wäre dann aber auch wieder die Parallele zur Wasseroberfläche, wo Spiegelungen ebenso je nach Blickwinkel die Sicht in die Tiefe des Wassers verhindern und nur das verdoppeln, was man ohnehin sehen kann – zuzüglich der Ansicht des Spiegelbildes der Betrachterin. Und Ähnliches passiert auch vor den «Erinnern»-Bildern: Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, indem in der Art der Darstellung der Akt des Erinnerns wie simuliert wird, denn je mehr man sich ein Bild aus der Vergangenheit ins Bewusstsein zurückrufen will, desto mehr verblasst es. Da spielt es dann eben eigentlich keine Rolle mehr, ob wir in die Augen von Annatina’s Kinder blicken oder in die Augen von jemand anderem, z.B. in unsere eigenen Augen. Die Augen sind es auch, die haften bleiben, uns magisch ins Bild hineinziehen. Häufig blicken sie uns direkt an, wie aus einer anderen Welt heraus. Zuweilen schaudert einen fast ein wenig.

 

Auch die Bilder der Serie «Idylle» sind nicht so harmlos, wie einen der Titel glauben machen will. Die «Idyllen» behandeln ebenso wie die Serie «Erinnern» eine an sich ganz persönliche Thematik. Über mehrere Tage hinweg hatte Annatina Graf eine Videokamera fest in ihrer Küche installiert mit Ausblick auf die Fensterfront. In regelmässigen Abständen nahm die Kamera kurze Sequenzen von dem, was sich in der Küche abspielte, auf. Somit entstand etwas wie ein Blick von aussen, da sich dank dieses Verfahrens die Bilder – anders als bei den Familienalbumbildern – nicht stellen lassen. Was der Künstlerin beim Sichten des Bildmaterials jedoch besonders auffiel, war die Tatsache, dass die im Tageslauf sich verändernden Lichtverhältnisse eigentlich die Atmosphäre der Bilder bestimmten, viel mehr als die Personen, die sich gerade in der Küche aufhielten und dort küchenspezifische Handlungen vollführten, wie wir alle dies tun: Kochen, Essen, Kaffee trinken etc. Die Bilder scheinen denn auch wie mit Licht gemalt. Alles andere ist wie skizziert, bruchstückhaft. Was der Betrachter, die Betrachterin mit diesen Bruchstücken macht, hängt mehr von seinem eigenen Befinden und ihren Vorstellungen und Erwartungen ab.

 

Alle Arbeiten dieser Ausstellung, auch die computergenerierte Projektion, funktionieren ähnlich wie das Erinnern: Man versucht, ein Bild ins Gedächtnis zu rufen, und bevor dieses richtig manifest werden kann, folgt in einer Assoziationsverknüpfung schon das nächste, und darauf wieder das nächste. Da verhält es sich wie mit den berühmten Wolken- oder sogenannten Zufallsbilder: Ein Bild geht über ins nächste, nichts bleibt fest gefügt, und ob ich böse Drachen oder freundliche Meerjungfrauen sehe, liegt an mir.

 

Ich wünsche Ihnen nun spannende Begegnungen mit Annatina Grafs sehr überzeugenden Arbeiten und gute Begegnungen mit Ihren eigenen Assoziationsketten. Möchten Sie noch etwas mehr über diese Arbeiten erfahren, kann ich Ihnen das eben in der Edition Hirschkuh erschienene Büchlein «Im Lichte der Erinnerung» wärmstens empfehlen.

 

 

Roswitha Schild, Kunsthistorikerin, Solothurn