ANNATINA GRAF

GEZEICHNETE BILDER DES ERINNERNS

 

In der Galerie Rössli zeigt die Solothurnerin Annatina Graf, wie sich dokumentarische Videobilder unter dem Pinsel zu stimmigen Impressionen des Erinnerns befreien

 

Es sind ganz normale Porträts oder kleine Szenen, vertraut wie aus einem Familienalbum. Menschen und Momente, mit dem Video aufgezeichnet als kurze zwischenmenschliche Dokumente aus einer Nähe des Vertrauens heraus, so wie sie sich auch in ihrer Videoinstallation Porträts niederschlugen, die Annatina Graf 2005 für die Sammlungsausstellung orten im Kunstmuseum Solothurn geschaffen hat.

Doch in diesen, sich klassisch in der Malerei gebenden Acrylbildern, geht die Künstlerin einen Schritt weiter: Sie malt die auf die Leinwand projizierten Bilder in jenem dezent sich modulierenden Graublauweissnuancen vage verschwindender Erinnerungen nach. In der Serie erinnern sind dabei die blausilbrig glänzenden Töne in vielen lasierenden Schichten aufgetragen, sodass sich hologrammartig je nach Position des Betrachters plastische Momente einstellen, um dann mit wechselndem Lichteinfall und Standpunkt in den Konturen zu verschwimmen und das erinnern zu monochromen Flächen verblassen zu lassen. Stimmungssituationen, wie man sie kennt, wenn man sich vertraute Bilder aus der Vergangenheit zurückruft, sind sie oft nur einen kurzen Augenblick greifbar, um weich gezeichnet und sanft changierend in den verblassenden Konturen zu verschwimmen und sich diffus wieder aufzulösen.

 

In den kleinen Idyllen dann hat Annatina Graf familiäre, in der Küche mit der Webcam aufgezeichnete Situationen zu intim lebendigen Impressionen skizziert. Grosszügig wie konzentriert im Wechselspiel von hell und dunkel, positiv und negativ entwickelt sich eine unmittelbare Nähe und räumliche Tiefe, die sich vom Dokumentarischen löst und den Betrachter mit seinen persönlichen Erinnerungen miteinbezieht.

Als fantasievolle Note spielt ihre Videoinstallation mit brüchstückhaft sich im Lichte der Erinnerung formenden Skizzen. Als Hintergrund agiert ein florales, schwarz konturierendes Tapetenmuster, aus dem per Tastendruckk wie mit dem Zauberstift gezeichnet nach und nach immer wieder neue Gesichter und Szenen auftauchen, sich kurz konkretisieren, um sich dann wieder im kaleidoskopartigen Liniengeflecht aufzulösen.

 

Eva Buhrfeind in «Mittelland Zeitung, 4. Mai 2007