ANNATINA GRAF

ANNATINA GRAF - GEOLOGIN DES ERINNERNS

 

REMINISZENZEN AN DIE KINDHEIT

 

Am 5. Mai 2010 wurde Annatina Graf in Würdigung ihres bisherigen Schaffens der Auszeichnungspreis der Stadt Chur verliehen. In Chur aufgewachsen, lebt sie seit 1986 nicht mehr im Kanton Graubünden. Umso mehr rührte sie die Nachricht von diesem Preis, vermittelte er ihr doch in einer bewegten Lebensphase, dass es konstante Zugehörigkeiten gibt. So kam dieser Preis aus ihrer Bündner Heimat genau richtig. Für ihre künstlerische Arbeit ist die Entfernung vom Ort ihrer Kindheit nicht unwesentlich. Sie trägt Bilder davon nicht nur im Gedächtnis, sondern auch physisch in Fotoalben mit sich herum. Vielleicht erscheint ein Kindheitsort in hellerem Licht, wenn man ihn mit dem Erwachsenwerden verlässt, zeigen Kindheitsfotos doch in der Regel glückliche Gesichter in sonniger Landschaft.

 

Über längere Zeiträume hinweg beschäftigte sich Annatina Graf mit den Bildern aus ihrer Kindheit und mit Erinnerungen allgemein, auch mit scheinbar Erinnertem, welches sich um diese Fotografien herum angesammelt hatte. Schicht um Schicht trug sie ab - gleichsam als Geologin des Bewusstseins - eigentlich weniger, um das quasi wahre Bild freizulegen als vielmehr, um die Quellen der Erinnerungsfetzen zu identifizieren als eigene, als fremde – sei es aus Kunst, Werbung, Filmen, etc. – oder als kollektive. Dass sie diese Nachforschungen besonders intensiv betrieb, als ihre eigenen Kinder Teenager wurden, deren Kindheitsbilder auch schon drohen, sich zu einigen wenigen starken Bildern zu verclustern, ist bezeichnend für ihre Art des Kunst Schaffens. Ihre künstlerischen Fragestellungen laufen in der Regel parallel zu aktuell persönlichen, existentiellen. In verschiedenen Serien von Gemälden dienten Fotos ihrer beiden Kinder Laura (*1995) und Andri (*1991) als Vorlagen. Das serielle Arbeiten erlaubt ihr, sich in eine Fragestellung über längere Zeit hinweg zu vertiefen und mittels verschiedener Bildmedien auszuschöpfen. In der Serie «Erinnern» von 2006 bediente sie sich bereits älterer Bilder ihrer Kinder, um sie zu blau-silbrig schimmernden Gemälden zu verarbeiten, quasi wie durch einen Schleier gesehen und nur knapp identifizierbar. Indem sie mit Acrylfarbe auf eine silbrige Grundierung malte, wählte sie ein der herkömmlichen Fotografie analoges Verfahren, welches seinerseits eine Bildfixierung mittels eines mit Silbergelatine überzogenen Bildträger ermöglicht. Dass sie die ursprünglichen Fotos vor dem Malen am Computer bearbeitet, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck dafür, wie unbefangen sich Kunstschaffende heute verschiedener Medien gleichzeitig bedienen. Mittels moderner Technik wird gleichsam das langsame Verschwinden alter Fotografien imitiert, da diese Eigenschaft der Fotografie wie ein Gleichnis erscheint für das Verblassen der im Gehirn gespeicherten Bilder.

 

BLÜTEZEIT

 

Dass Annatina Graf diese Erinnerungsbilder malte, als befänden sie sich im Prozess des Verschwindens, ist gut nachvollziehbar. Doch warum tat sie dies auch mit den Bildern der Serie «Blütezeit» (2008/09), welche auf aktuellen Selbstportraits aus dem Fotoautomaten basieren, auf denen Laura mit ihrer Freundin Anja zusammen posierte, wie dies Millionen von Teenagern seit der Erfindung dieser Automaten zu tun pflegen, um die verschiedenen Facetten ihrer selbst auszuprobieren? Mit weisser Acryl-Farbe auf silbrigem Grund gemalt, verändern sich die Bilder je nach Beleuchtung und Standpunkt des Betrachters, kippen gelegentlich auch in ihr Negativbild. Annelise Zwez beschrieb sie treffend folgendermassen: «Annatina Graf nimmt die inszenierten Schnappschüsse, projiziert sie auf die Leinwand und malt sie – nicht naturalistisch, sondern reduziert auf Lichtwerte, dem Effekt der Vergrösserung folgend unscharf; so, dass sie die Betrachtenden zuweilen erst auf den zweiten Blick in Raum und Realität zurückversetzen können. Damit führt sie eine fiktive, eine zeitliche und eine emotionale Ebene ein. Sie malt die Bilder als wären sie ein Tagtraum, als wären sie die Erinnerung der Malenden an ihre eigene Jugend, als wären es die Mädchen, die in 30 Jahren auf ihre Teenager-Zeit zurückblicken. Die Bilder verlieren in der Umsetzung an Individualität, werden Teil von etwas Kollektivem, öffnen sich den Vor- und Rückwärtsträumen von uns allen.»

 

Nun sind diese Bilder gleichsam der Abschluss einer umfangreichen Serie, die sich anfangs auf eine Videoaufnahme bezog, welche die Künstlerin an einer Modeschau von Laura und ihren Freundinnen anlässlich von Lauras 10. Geburtstag 2005 gemacht hatte. «Blütezeit» gilt nicht nur in China als poetische Umschreibung der Wandlung vom Kind zur Erwachsenen, als Zeit des Ausprobierens und Einübens von Möglichkeiten des Seins. Erst drei Jahre später war Annatina Graf bereit zur Verarbeitung des Materials zu einem Video sowie einer Reihe von Gemälden. Der zeitliche Abstand relativiert die Tatsache, dass eines der posierenden Mädchen ihre Tochter ist. Jede Frau hat als Kind - offen oder heimlich - solches Posieren mit Kleidern und Utensilien von Erwachsenen geübt und sich dabei spielerisch vorgewagt in die geheimnisvoll lockende wie Angst einflössende Erwachsenenwelt.

 

Indem die Künstlerin das Ausgangsmaterial am Computer bearbeitet, bedient sie sich einer Technik, deren sich gerade Jugendliche mit selbstverständlicher Leichtigkeit bedienen, schafft aber auch eine gewisse objektive Distanz. Sie reduziert die Bilder soweit auf typische Posen und Bewegungsabläufe, dass Bilder entstehen können, in welche jede Frau sich augenblicklich hineinfühlen kann. Für die Künstlerin selbst hingegen ist es dennoch wesentlich, dass das Modell ihre Tochter ist, da Empathie und Intuition bei der Arbeit für sie Bedingung sind, um an das allgemein Gültige heranzukommen. Objektivität und Subjektivität, Technik und Handwerk, Kopf und Bauch müssen immer wieder austariert und ins Gleichgewicht gebracht werden, damit Bilder entstehen können, welche bei den BetrachterInnen etwas auslösen.

 

DAS AUTOBIOGRAFISCHE IN DER KUNST

 

Während die Welt immer komplexer wird und somit immer schwerer überblick- und darstellbar, ziehen sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler auf sich selbst zurück. Das heisst nicht, dass sie nicht gesellschaftlich oder politisch engagiert bleiben, sondern vielmehr, dass sie die Welt vermehrt gefiltert durch ihre Persönlichkeit darstellen, als Spiegelung ihres Erlebens in der Welt. Die Beschäftigung mit dem Autobiografischen ist dank der Vertrautheit mit dem Thema eine nie versiegende Quelle der Inspiration, ja fast Bedingung für künstlerisches Schaffen, braucht es dafür doch auch die Überzeugung, dass das, was Künstler berührt und ihnen widerfährt, wert ist, dargestellt zu werden, damit der Konsument des Werkes sein eigenes Erleben darin spiegeln kann. «Denn autobiografisch geprägte Kunst – sei es in Literatur, bildender Kunst oder Film – rückt persönliche Erlebnisse in den Aufmerksamkeitshorizont einer breiten Öffentlichkeit und kennzeichnet sie dadurch als zeitgenössische Erfahrung.» «Zeitgleich zum Boom des Autobiografischen in der Kunst kam die kulturelle Beschäftigung mit Gedächtnis und Erinnerung. Beides gehört eng zusammen, da eine Autobiografie ihre identitätsbildende Kraft schliesslich aus dem Umgang mit Erinnerung zieht.»

 

IM LICHTE DER ERINNERUNG

 

Sich erinnern heisst, emotional gefärbte, ursprünglich an Ort und Zeit gebundene Wahrnehmungen aus dem Gedächtnis wieder zu vergegenwärtigen. Vladimir Nabokov schrieb dazu in seiner Autobiographie «Erinnerung, sprich»: «Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt), sehe ich das Erwachen des Bewusstseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt Bieten.» Erinnerung und Licht führen auch in Annatina Grafs Werk eine enge Koexistenz. Nicht zufällig verwendet sie z.B. in der Serie «Erinnern» Silberfarben, die im Licht aufleuchten. Am stimmigsten aber vielleicht ist der Umgang mit Licht in ihrer Video-Arbeit «Idylle», wo das sich im Tageslauf verändernde Licht die eigentliche Hauptrolle spielte. «Über mehrere Tage hinweg hatte Annatina Graf eine Videokamera fest in ihrer Küche installiert mit Ausblick auf die Fensterfront. In regelmässigen Abständen nahm die Kamera kurze Sequenzen von dem, was sich in der Küche abspielte, auf. Somit entstand etwas wie ein Blick von aussen, da sich dank dieses Verfahrens die Bilder – anders als bei den Familienalbumbildern – nicht stellen lassen.» Während auf den ersten Blick – und wie der Titel impliziert – das Bild häuslicher Harmonie um den Küchentisch herum zum Thema gemacht wurde, stellte sich im Rückblick heraus, dass diese «Idylle» schon zum Zeitpunkt der Herstellung mehr Heraufbeschwörung eines vergangenen Zustandes denn die Darstellung der Realität war.

 

TAGE –INDIREKTES SELBSTPORTRAIT UND KOLLEKTIVES ERINNERN

 

Die verbreiteste Form des autobiografischen Werks in der bildenden Kunst war über Jahrhunderte hinweg das Selbstportrait, muss es aber nicht sein. Das Jahr 2009 brachte viele Veränderungen im Leben der Künstlerin. Um Strukturen ringend begann sie mit der Serie «Tage». Wie bei all ihren Arbeiten wirkt auch hier ihr stark ausgeprägter Impetus, das einst selbst Erlebte, Gesehene und Gefühlte mit den Gegebenheiten der gegenwärtigen Wirklichkeit in einen ständigen Dialog treten zu lassen. Im Laufe der letzten Jahre haben sich ihre Bezugspunkte jedoch verschoben. Während sie in ihrer umfangreichen Serie «Erinnern» ihre zum Malen wichtige innere Anteilnahme mittels älterer Fotos ihrer Kinder Andri und Laura evozierte, setzte sie sich in ihren «Tage»-Bildern mit alltäglichen Situationen und ihr zufallenden Ansichten auseinander, welche bei ihr auf ausreichend Resonanz stiessen, um von ihr fotografisch festgehalten zu werden. Zu «Tage» kommen einem zum Vergleich vielleicht die «Date paintings» von On Kawara in den Sinn. Doch während On Kawara in seiner konzeptuellen Arbeit eine vor allem politische oder gesellschaftsrelevante Strategie verfolgt, ist Annatina Grafs Ansatz ein bewusst persönlicher und explizit malerischer. Turbulenzen im emotionalen Bereich verlangten einerseits nach einer adäquaten künstlerischen Umsetzung, gleichzeitig bietet ein klares Konzept die Möglichkeit, um innerhalb eines definierten Rasters täglich sich ändernde Befindlichkeiten auszudrücken ohne diese selbst zum Thema werden zu lassen.

 

«Tage» ist eine farblich in sich stimmige – da mehrheitlich in blassen Farben gehaltene – Serie von Bildern einheitlichen Formats. Mittels der einheitlichen Farbgebung sieht sich der Betrachter einer Fülle von einer Art Traumbildern gegenüber, die untereinander in Beziehung stehen, und erst beim genauen Hinsehen macht man die unterschiedlichsten Motive aus, die rational betrachtet nichts miteinander zu tun haben ausser dem Umstand, dass sie von Annatina Graf einst fotografiert worden waren. Am Computer behandelte sie die Fotos und zwar jede Farbe für sich (Magenta, Cyan, Gelb und Schwarz). Im gesteuerten Zusammenspiel der Farben entstand dann das Bild, welches sie wiederum in Malerei umsetzte. Durch diese zweimalige Verwandlung wird das Ausgangsmotiv zuweilen unkenntlich, verliert seine individuelle Dinglichkeit. Gleichzeitig gewinnt das noch Erkennbare etwas Archetypisches.

 

FACES – ÜBER DAS ÄUSSERE UND DAS ERINNERN ZUM INNEREN

 

Mit der Zeit konkretisierte sich fast beiläufig als wiederkehrendes Motiv innerhalb der Serie «Tage» - einer Art mittelbaren Tagebuchs – das Selbstportrait: die Künstlerin beim Sinnieren, beim Rauchen, lachend, weinend... . Daraus wiederum entstand die Video-Arbeit «Faces». «Annatina Graf lässt in «Faces» nach Farbwerten aufgeschlüsselte Fragmente von Aufnahmen ihres eigenen Gesichtes mit dem «Special Effect» des sogenannten «morphing» stufenlos und von sphärischer Musik unterlegt ineinander übergehen. Dadurch erhält dieses im Kern eigentlich klassische Porträt mit Kopf und Schultern immer wieder neuen Ausdruck. Wobei die Wirkung durch die Teilauflösung des naturalistischen Bildes in fleckenartige Hell-Dunkel-Verläufe maskenartigen Charakter hat, der sowohl theatralisch wie psychisch interpretiert werden kann.» Diese Arbeit zeigt Annatina Graf anlässlich des Kultursommers Mels in der Alten Fabrik. An Stelle des Spiegels über dem Lavabo, wo Arbeiterinnen und Arbeiter einst beim Hände Waschen einen kurzen Kontrollblick auf sich werfen konnten, montierte sie einen Flachbildschirm. Der Erwartung des Betrachters, der Betrachterin auf das eigene Spiegelbild begegnet sie mit einem bewegten wie bewegenden Panoptikum von sich verändernden Gefühlsregungen. Unweigerlich setzt bei der Betrachterin ein Prozess ein, in welchem sie ihre eigene Stimmungslage prüft, Erinnerungen aufkommen lässt an Situationen, wo diese oder jene Gefühlslage sie beherrscht hatte. Fast paradoxerweise wird dem Betrachter die Identifikation mit den durch die digitale Bildbearbeitung weitgehend abstrahierten Selbstaufnahmen erleichtert.

 

Gerade weil die Künstlerin als reale Person – also als ein zu identifizierendes Gegenüber – in der Projektion nicht erkennbar ist, lenkt sie den Blick vom Äusseren ins Innere. Diese Vorgehensweise, über die Selbstbetrachtung, die Fokussierung auf einen Körperteil, der die Erinnerung aktiviert, ins Innere zu gelangen, lässt sich über Annatina Grafs gesamtes Schaffen hinweg verfolgen. Hierzu den angemessenen Grad der Abstraktion zu finden, ist ein aus der Unterhaltungstechnik, insbesondere dem Animationsfilm bekanntes Problem. Während man nämlich vermuten könnte, dass die Akzeptanz menschlicher Figuren mit steigendem Realitätsgrad kontinuierlich steigt, zeigt die Forschung, dass es im mittleren Bereich zwischen völlig artifiziell – wo die Akzeptanz von Figuren hoch ist – und vollkommenem Anthropomorphismus eine als «Uncanny valley» (unheimliches Tal) bezeichneten Bereich gibt, wo die Akzeptanz – und damit die Identifikationsmöglichkeit der Betrachter gegen Null strebt.

 

Annatina Graf nennt ihren Zustand beim Malen und Bildbearbeiten einen «psychischen Raum», da sie sich so sehr dabei in die Arbeit vertiefen kann, dass alles andere seine Bedeutung verliert, wo sie sich auch durch nichts stören lässt – was sie durchaus als Gabe betrachtet. Aus dieser Mischung aus höchster Konzentration und einer Art Trance resultieren aus einer Vielzahl schöpferischer Entscheidungen Werke, die gefühlt richtig sind, sich jedoch kaum berechnen liessen. Kunst und Technik, gekonnt und einfühlsam kombiniert, können zusammen zuweilen mehr als das Eine oder das Andere für sich allein.

 

 

Roswitha Schild, Annatina Graf - Geologin des Erinnerns, in Bündner Jahrbuch 2011, Chur 2011