ERINNERN

 

Erinnern (2006) besteht aus zahlreichen zart blau-silbrig schimmernden Acrylgemälden im Querformat. Die blassen Farben wie auch die intimen Motive – es handelt sich zumeist um Porträts der Kinder der Künstlerin – betonen die Fragilität der Werke und zielen so auf den Kernpunkt dessen, was «Erinnerung» umfasst. Allerdings geben die Bilder das aktuelle persönliche Umfeld Annatina Grafs nicht unmittelbar, sondern über einen medialen Umweg wieder: Als Vorlagen für die Arbeiten dienen schon ältere Fotografien der Kinder. Doch diese privaten Aufnahmen sind der Künstlerin lediglich Grundlage für eine weitergehende Reflexion über das Phänomen der Erinnerung.

Die Flüchtigkeit und zum Teil trügerische Eindeutigkeit, die für innere Bilder charakteristisch ist, verbindet sich in Erinnern mit den Eigenschaften des fotografischen Bildes; letzteres kann dem Gedächtnis als Stütze dienen, aber im Laufe der Zeit, ähnlich wie das Erinnerungsbild, auch verblassen. Die in der Serie verwendete Alu- miniumfarbe gibt das Motiv je nach Lichteinfall auf unterschiedliche Weise preis und lässt es manchmal gar völlig im Bildgrund verschwinden. So verarbeitet Annatina Graf die Erfahrung, dass solche Bilder sich binnen kürzester Zeit ganz verschieden präsentieren können, dass Gesehenes wieder entschwinden kann und dass sich einmal Erlebtes auch über das bildnerische Vergegenwärtigen nicht tel quel wiederholen lässt.

 

Kathleen Bühler, 2008, Ausstellungsführer Ego Documents - Das Autobiografische in der Gegenwartskunst, Kunstmuseum Bern.