ANNATINA GRAF

EGO DOCUMENTS

 

Reality-TV, persönliche Blogs, private Homepages: Anscheinend sind gerade alle auf dem grossen Ego-Trip. Das Kunstmuseum Bern versucht in der Ausstellung Ego Documents eine Annäherung an das Verhältnis der Gegenwartsgesellschaft zum Ich und zeigt eine Auswahl künstlerischer Selbstdarstellungen.

 

Auch individuelle Geschichten folgen kulturellen Mustern oder, wie Kathleen Bühler feststellt: Fotoalben sehen fast alle gleich aus. Ein Phänomen, das sich in Teilen der sehenswerten Schau allzu wahr erweist. Die neue Kuratorin der Abteilung Gegenwart sucht in ihrer ersten grossen Präsentation Ego Documents dem Exhibitionismus der Gegenwart auf die Spur zu kommen. Nicht um reguläre Selbstporträts geht es dabei, sondern um Werke, die den persönlichen Lebensraum ausloten, um auf induktivem Weg die Gesellschaft zu erfassen.

 

Getürkte Anekdoten, Bilder aus abgeschlossenen Vergangenheiten: Faszinierend und überzeugend sind jene Arbeiten, welche die Ego-Dokumentation reflektieren, wie beispielsweise die auf die Flüchtigkeit verweisenden Silberbilder von Annatina Graf. Jack Pierson zeigt in seinen süsslichen Self Portraits, 2003, Männer verschiedener Lebensalter, in denen er Anteile seiner Persönlichkeit sieht. Isabelle Kriegs Curriculum, 2008, hingegen macht Gegenstände zu Charakter-Zeugen. Möbel und Material aus ihrem Atelier werden zur Ring-Installation, durch die ein Bächlein, lateinisch Curriculum fliesst, das daran erinnert, dass das Leben ein steter Fluss ist.

 

Das Thema ist trendy. Das wird in den mehr oder minder aussagekräftigen Familiengeschichten gezeigt. Andeutend erzählt Xiaoyuan Hus' Sammlung (gross)mütterlicher Habseligkeiten, The Times, 2006, von Frauenleben und wachsendem Wohlstand in China. Peinlich direkt wirkt die Videoarbeit Traction, 1999, von Darren Almond, der seinen Vater von Berufs- und Sportverletzungen berichten lässt. Authentizität allein macht aber noch kein Kunstwerk aus. Etwas blass wirkt auch, wenn Pascale Wiedemann und Daniel Mettler säuberlich gestapelt fotografieren, was in seinem und ihrem Kleiderschrank steckt. Subtiler werden weibliche und männliche Selbstdarstellung hinterfragt, wenn Louise Bourgeois zeichnerische Kindheitsbefragungen in überraschende Nachbarschaft zu Martin Kippenberger rücken, der in seinen Hotel-Zeichnungen, 1987-1997, Techniken und Themen probt und den Betrachter auf falsche Fährten lockt, indem er Briefpapier aus Hotels bekritzelt, in denen er nie war.

 

Auch wenn die Schau zuweilen am Zuviel des Ähnlichen leidet, bietet sie aufschlussreiche Einblicke in den künstlerischen Umgang mit dem Ich.

 

Alice Henkes in: Kunstbulletin 1-2/2009