ANNATINA GRAF

DIFFUSE KUNSTWERKE WIE VON UNSICHTBARER HAND GEZEICHNET

 

Der Churer Kunstraum SandraRomer ist bereits eine ernst zu nehmende Institution geworden. Derzeit zeigt die in Chur aufgewachsene Künstlerin Annatina Graf ebendort ihre neuen Arbeiten.

 

Annatina Graf lebt in Solothurn, ist aber immer wieder in den Jahresausstellungen im Bündner Kunstmuseum präsent. Jetzt hat sie ihre erste Einzelausstellung in Chur. Der helle, unprätentiöse Galerieraum von Sandra Romer gibt den Werken den ruhigen Hintergrund. Die Hängung ist locker, nicht überladen und gedrängt. Jede Arbeit hat den Raum, den sie braucht. Auf den ersten Blick denkt man an Fotografie.

«Erinnern» und «Fernsicht» lauten die Titel von Grafs Bilder. Beide Begriffe haben etwas Gemeinsames, gehören geradezu zusammen. Die Künstlerin scheint aus der Ferne in ihre Erinnerungen zu schauen. Gleichzeitig entschwindet das, was sie erinnert, beim Versuch, es festzuhalten und es gar aufs Papier beziehungsweise auf die Leinwand zu bringen. Erinnerungen sind nie präzise, haben etwas Unbestimmtes, Flüchtiges. Nicht nur in der Rückschau der Künstlerin selbst, je nach Blickwinkel und Standort des Betrachters verändern Grafs gemalte Erinnerungen ihre Erscheinung.

 

VERSCHWOMMEN UND DIFFUS

Graf malt mit Acrylfarben auf Leinwand, in blauen oder silbernen Aluminiumtönen. Beide Farben assoziieren beim Betrachten etwas Entferntes, Verschwommenes, Diffuses. Wir sprechen von blauer Ferne, von blauem Dunst und meinen damit etwas, das sich unserem Zugriff entzieht. Das Blau der Bilder von Graf ist nicht strahlend und klar, und erst nach einer Weile des Hinsehens, besonders aus einer gewissen Distanz, gibt die milchige und dennoch durchsichtige Farbe ihre Motive frei.

Graf arbeitet mit verschiedenen Helligkeiten, bis zur Flüchtigkeit des Abgebildeten. Oft sind es Gesichter, Kinder, scheu, fast ohne Blick, dann wieder mit eindringlichem Ausdruck. Nichts ist plakativ oder aufdringlich. Über dem Bildgeschehen liegt ein Schleier – ein Schleier des Erinnerns oder auch des Vergessens. Es scheint, dass die Künstlerin im Malen ihrer Bilder sich selbst erinnert. Und doch ist es eigentlich nicht sie selbst, sondern vielmehr ihre Kinder, die den Werken zugrunde liegen. Gleichzeitig sind es nicht gemalte Porträts. Es gelingt Graf, etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes zu vermitteln, das einen anzieht, Spannung erzeugt und den eigentlich sehr persönlichen Motiven dieser «Kinderbilder» etwas allgemein Gültiges verleiht. Nichts ist vorgezeichnet, die Gesichter entstehen wie aus einer Spiegelung im Wasser, nehmen Gestalt an, verschwinden, scheinen sich aufzulösen. Daneben sehen wir eine Reihe von Bildern, in denen Graf die Acrylfarbe in Aquarelltechnik einsetzt. Sie gelangt zu einer neuen Farbigkeit in Pink, Türkis, Gelb und arbeitet mit den entstehenden Mischfarben und Überlagerungen. Auch diese Arbeiten verändern ihren Ausdruck mit der Entfernung, sie nehmen Gestalt an und gehen wieder zurück ins scheinbar gegenstandslose Bild. Ein Gesicht taucht auf, eine Landschaft, Wolkenbilder, daneben immer wieder irritierende leere Flächen. Sie scheinen den Entstehungsprozess der Bilder zu unterbrechen und ein Innehalten der Künstlerin zu vermitteln.

 

VISUELLE ERINNERUNGSARBEIT

Zusätzlich zur Galerie ist auch der kleine Nebenraum im Hof neben dem Kunstraum Teil der Ausstellung. Graf hat die weissen Wände mit einer gemalten Tapete überzogen. Lockere Muster in glänzender Aluminiumfarbe bedecken die Wände und verleihen dem Raum geradezu etwas Wohnliches.

Nichts ist zu hören. Die Künstlerin zeigt hier eine indirekte Videoinstallation, die auf Körperwärme reagiert. Zunächst ist da auf dunklem Grund eine intensive Zeichnung der Tapetenmuster. Sonst nichts. Die Betrachterin selbst setzt durch Berühren einer Metallplatte mit der warmen Hand den Bilderfluss in Gang. Über diesem Tapetenbild formiert sich langsam wie in einer entstehenden Zeichnung ein neues Bild, überlagert den Hintergrund, wird kurze Zeit erkennbar, löst sich kurze Zeit später nahtlos wieder auf, und zurück bleibt der Hintergrund als das einzig Sichtbare. Eine neue Berührung der Metallplatte lässt ein neues Bild auftauchen. Wie von unsichtbarer Hand gezeichnet erscheinen Kindergesichter und spielende Gestalten. Manches bleibt dabei jeweils nicht zu deuten und zieht sich zurück, ehe man es recht erkennen kann. Auch das ist Erinnerungsarbeit der Künstlerin Annatina Graf, die im Erscheinen und Verschwinden der Bilder Vergangenes noch einmal heraufbeschwört.

 

Gisela Kuoni in «Die Südostschweiz», 6. November 2007.